Sprüchlein

Neun Reimereien über Menschen, Kreativität und das Ego.

I. Anfang
Bein zur Bühne, Spiegel auf!
Schäl' die Masken und dann - lauf!
Wo du bist, kann ich nicht bleiben.
Also neu! - Das ‘Ich’ zerreiben.

II. Transmutation
Ich bilde mir recht gerne ein,
ein edler Marmorblock zu sein.
Doch leider, gegen meinen Stolz,
bin ich ein Klotz aus sprödem Holz.

III. Triebe
Ein Teuflein sitzt mir in der Brust
und peitscht mich auf zu Höllenlust.
Mit Bocksfuß trampelt er umher,
setzt mich in Brand, das nutzt mir sehr!
Doch täte es ihm selbst sehr wohl,
wenn einmal ihn - der Teufel hol’.

IV. Funken
Jetzt kommt ein Satz mir ins Gemüt,
der gut tut und schön klingt,
der meinen Geist bezwingt!
Schnell schreiben, ehe er verglüht,
dass ich ihn nicht vergesse!
Doch ist er raus, ist’s einerlei:
Schon trägt er Leichenblässe.

V. Nahrung
Meine Flasche ging entzwei - oh wei!
Was soll ich jetzt nur trinken?
Ein Fisch an Lande kann nichts tun,
als kläglich zu er-trinken.

VI. Leerstelle
Ich hab’ ein großes Loch im Bauch
- Und Hunger hab’ ich auch.

VII. Fassungslos
Ich studierte das Studieren
und konnte nur verlieren.
Ein Fass, das keinen Boden hat,
wird niemals von der Welt nicht satt.

VIII. Werso
Man nennt ihn Werso, denn er ist
ein sinnbefreiter Antichrist.
Mit gold’ner Zunge ging er um
und gab der Wahrheit etwas Schwung.

Ja, Werso war ein wildes Ding,
der bloß zum Spaß die Bauern fing.
Und Achtung, ehe du was sagst:
Sein erstes Opfer war der Papst.

Doch einmal ging’s mit Werso schlecht,
es nutzte auch kein Raufen:
Der Mensch war Bauer nimmermehr
und ließ sich nicht mehr taufen.
Der Werso aber gab nicht auf,
zur Börse kam gelaufen.
Wie gut, dass Neues Neues bringt!
Den Mensch kann er jetzt - kaufen.

IX. Ende?
Ihr hört’s, das war’n die neuen Lieder,
die zucken mir durch alle Glieder!
Ein Schmunzeln schleicht sich ins Gesicht,
doch mehr als vorher - weiß ich nicht.