Zärtlich liebten sich unsere Gehirne

Sie schauen sich in die Augen. Er liebt sie so sehr. Irgendetwas ist furchtbar falsch...

Genre: Romance x Horror

Klappentext:
Ein Mann sitzt in einem abgedunkelten Apartment seiner Geliebten gegenüber. Sie machen nichts, als sich tief in die Augen zu schauen. Dabei versinkt er immer wieder in Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit.
Er liebt sie so sehr! Sie ist so perfekt! Aber irgendetwas ist furchtbar falsch...


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Zärtlich liebten sich unsere Gehirne

Zärtlich liebten sich unsere Gehirne.
Es war mitten in der Nacht, als wir zurückkehrten in das kleine Apartment. Mühselig kämpften wir uns die Treppe hoch bis in das dritte Stockwerk, immer wieder mussten wir stehen bleiben, so sehr brachten wir einander zum Lachen. Dann kam stets die jähe Erinnerung, dass die Nachbarn ja schon seit Stunden schliefen - sie stieß mir verschwörerisch ihren Ellenbogen in die Seite und hob einen Finger an die Lippen. Ich wiederum tat, als hätte sie mir mit ihrem Stoß ernsthaft wehgetan, was sie erneut zum Kichern brachte. Sie verdrehte die Augen, aber auf eine spielerische Weise, ehe sie mich bei der Hand nahm und einige Stufen voran nach oben zog. Wenige Schritte später ein ähnliches Spiel.
Aber wir hatten es doch irgendwie geschafft. Ich hatte mit ihrem Kichern im Nacken den Schlüssel in meiner Hosentasche gefunden, der Schlüssel hatte das Schlüsselloch gefunden und meine unstete Hand hatte es geschafft, ihn herumzudrehen. Fast wäre ich der Tür hinterher in den dunklen Flur gestürzt. Ich war nicht ganz nüchtern, wurde mir da bewusst, und das schmeckte ich auch auf der Zunge. Während ich noch mein Gleichgewicht wiederfand, hatte sie bereits die Tür hinter uns geschlossen, ihren Mantel ausgezogen und in die Ecke geworfen. Ich tastete nach dem Lichtschalter, doch sie hielt mich davon ab und zog mich tiefer in die Wohnung - in unsere Wohnung, wo wir, sie und ich, lebten und liebten. Ich liebte sie. Diese Gewissheit brannte lichterloh durch den leichten Nebel meines berauschten Verstandes. Ich liebte sie.
“Komm.”, flüsterte sie verschwörerisch und bedeutete mir mit einer erstaunlich fließenden Handbewegung, mich zu setzen. Ich gehorchte. Etwas kitzelte mir im Gehirn. Aufregung - was plante sie? Das war so typisch für sie! Immer für eine Überraschung gut, immer so spontan, so verspielt. Und wie sie es zu Reisen liebte! Wie dieses eine Mal, als wir in Mailand Urlaub gemacht hatten und sie - Noch während ich darüber nachzudenken versuchte, setzte sie sich mir gegenüber. Und wir schauten uns an.
Sie war eine Randerscheinung und ich war ich: Nur Lumpenpack. Sie ein Engel.

Jenseits der Fensterscheiben glänzten die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos. Jenseits der Scheinwerfer ragten die Umrisse der Hochhäuserreihen empor. Jenseits davon - dahinter - schwarze Nacht und leergefegter Himmel. Ich sah darin keine Sterne, denn sie steckten ihr bereits in den Augen. Dabei sahen wir uns bloß an, ich mit meinen grauen, tauben Murmeln und sie mit ihren funkelnden Rubinen, Smaragden, was auch immer, sie zogen mich in den Bann, so wie das Licht eine Motte einfängt. Ich eine Motte. Sie das Licht der Sterne. 
Ich fühlte mich an meinen Großvater erinnert. Vor langer Zeit hatte er mir erzählt, dass Sterne in Wirklichkeit keine Materie seien, sondern Löcher. Löcher, die in das Firmament unserer Welt gerissen worden waren und durch die man mit zusammengekniffenen Augen jenseits unseres Horizonts schauen konnte. Dahinter: Das Licht einer Welt, die nicht unsere war und niemals sein würde. Aber man konnte es sehen, wie es sich vorantastete und zu uns hinabstrahlte. Das hatte er mir damals so geschildert, mein Opa. Es strahlte jede Nacht hinab zu uns, hörte ich noch seine Stimme in den Ohren, es, dieses andersweltliche Licht, seine glitzernden Strahlen herabtastend und suchend, Sehnsucht weckend, verhöhnen, so nah und doch so fern. So beschrieb er es. 
Ich war nur ein Kind. Ich glaubte ihm jedes Wort. Ungewöhnlich geduldig war ich ab diesem Zeitpunkt, hielt besser als meine Altersgenossen die Füße still und liebte es, spät nachts einfach nur nach oben zu schauen, fragend zu den fernen Löchern in unserem Firmament und ihrem hervortretenden Schein. Vielleicht hatte meine Mutter recht gehabt, wenn sie sagte, ich schaue ein wenig zu viel in dieses Licht. Das echte Leben, und damit hatte sie schließlich recht, spielte sich hier unten ab.

Schon war diese Erinnerung wie weggefegt. Die Stimme meines Großvaters, der schon so lange tot war, waberte davon und war schon nicht mehr zu greifen. Die Stimme meiner Mutter hallte nach, war frischer. Doch halten konnte auch sie sich nicht in meinem Kopf. Stattdessen hörte ich sie.
“Ich mache das Fenster auf”, sagte sie mit ihrer sanftesten Stimme. “Es ist so warm hier.”
Sie hatte recht: Es war warm hier drinnen, in dieser beengten Wohnung, und ganz selbstverständlich stand sie sofort auf und öffnete das Fenster. Dann schnell zurück an den Tisch, an dem wir saßen, schnell wieder zurück in meine Augen. Doch sie bewegte sich so schnell, dass es mir fast erschien, als stünde sie gar nicht auf; ohne Zweifel aber brach während dieser kurzen Episode unser Blickkontakt nicht, das hätte ich gespürt, ich hätte mich abgerissen gefühlt und verloren, ein Lamm ohne Schäfer, aber das war alles nicht, ihre Augen berührten meine, konstant und für immer. Das war gut so. Das war schön so. Diese Augen machten mich verrückt. Kugelrund. Bezaubernd. Wer hatte denn solche Augen, wenn nicht sie? Dieser Glanz, der von ihren Augenperlen ausging, erfüllte mich mit einer unbeschreiblichen Freude, nein, Ekstase, die sich in meinem ganzen Körper festsetzte, in den Fingerspitzen, in den Zehen, im Gehirn.

Ich konnte uns vor meinem inneren Auge noch genau sehen, wie wir Hand in Hand die Seine entlangspazierten. Sie liebte es ja, zu reisen. Es war einer der heißesten Tage des Jahres. Da waren Schweißtropfen auf der Stirn und auf unseren Herzen. Zu viel des Guten war eine Unmöglichkeit für uns, auf unseren Flitterwochen in Frankreich, jung und verliebt. Wir waren verheiratet! Was für ein unfassbares Glück, dass ausgerechnet wir einander gefunden hatten, wo wir doch perfekt füreinander waren, wo doch sie an sich so perfekt war!
Unter meinem Arm steckte sauber eingerollt eine Picknickdecke, rot-weiß kariert wie in den Filmen, genau wie in den Filmen, unsere Beziehung ein einziges kantenloses Märchen, es war alles perfekter als es sein könnte, ihre Lippen heiß auf meinen. Da war auch ein kleiner Bastkorb mit Essen, den hatte sie getragen. Auf der ausgebreiteten Decke öffneten wir ihn und fanden Ameisen auf den geschmierten Broten. Ich schnippte sie weg, sie lachte schallend und machte sich nichts daraus. Die Brote aßen wir trotzdem. Da saßen wir also, schauten uns an mit diesen verliebten Augen, waren einfach nur da in diesem Moment. Ich konnte das in meinem Kopf sehen, als sei es die Gegenwart. Als würde das gerade jetzt stattfinden.
Aber das war die Gegenwart: Wir saßen einander gegenüber an einem schäbigen Holztisch in einem kleinen Apartment. Das Licht war ausgeschaltet, aber durch das Fenster zu meiner linken schien das Laternenlicht und das stetige Aufflackern der vorbeifahrenden Scheinwerfer. Und wir schauten uns an, schauten uns in die Augen, rührten uns ansonsten nicht, rührten uns nur im Geiste. Ich ein Glas Wasser. Sie ein Strudel. Mein Gehirn kitzelte auf eine kuriose Weise. Was hatte sie vor, dass ich das Licht nicht anschalten sollte, dass wir uns stumm gegenübersaßen und tief in die Augen blickten? Ich war geduldig, ich ließ mich überraschen.
Panik wallte in mir auf.
Ich sah, wie aus jeder Pore ihres Körpers das Licht brach, sie brannte lichterloh! Konnte das sein? Millionstel von Strahlen schossen in alle Richtungen und tauchten das Apartment in ein gespenstisches Grell. Feuer! Da blinzelte ich und es war schon nichts mehr, kein Feuer, das war nur Illusion, es war alles beim Alten. Nur in ihren Augen leuchtete dieses übernatürliche Etwas, das sich immer weiter in meinen Kopf hineintastete, vorsichtig herankriechend, die Umgebung meines Kopfes erkundend. Ich ließ es geschehen, ich Mensch angesichts einer Göttin. Aphrodite. Venus. Freja - Viele Namen hatte man ihr im Laufe der Zeit gegeben, im Radschlag der Kulturen, jetzt aber war sie einfach sie und schaute mich, ausgerechnet mich von all den anderen armen Schluckern, schaute mich mit einer unmöglichen Intensität an. 
Unverhofft spürte ich einen Gedanken in die Neuronen kriechen, einen anderen, den ich auszublenden versuchte, der mich drückte und den ich mit aller Kraft auszublenden versuchte, aber es nützte nichts. Je mehr ich mich gegen ihn wehrte, desto mehr nahm er Form an. Er hatte eine Form. Er war geformt:

Wie heißt sie?

Hatte ich etwa ihren Namen vergessen? Den Namen meiner großen Liebe, meiner Ehefrau? Unmöglich! Nein, es gab eine viel einfachere Erklärung: Sie hatte nie einen gehabt. Wörter waren lachhaft im Angesicht von jemandem, von etwas wie ihr, etwas so Perfektem, etwas so - so - 
Durch das Fenster stieß ein Luftzug, der irgendeinen Gegenstand aus Plastik auf der Fensterbank zum Klappern brachte. Das nahm ich kaum wahr. All mein Ich war fokussiert auf diesen Luftstoß, der sich zwar schon zwischen uns über der Tischplatte verlor, aber das reichte schon aus. Er trug hinüber zu mir ihren schwer zu beschreibenden süßlichen Geruch, der sich in meiner Nase festsetzte, den ich sofort auf meiner Zunge schmecken konnte, der mir die Sinne noch etwas mehr vernebelte und mich tiefer hinabsinken ließ, immer noch tiefer in ihre Augen, ihre wunderbaren, glänzenden Augen. Ich war mir sicher, dass sie nicht nur mich erobern wollte, sondern meine Sinne. Was ein Duft! Wonach roch sie, wenn nicht nach Ambrosia, Götternektar! Meine Nase gehörte schon ihr, war schon immer ihre gewesen, nur wusste ich nichts davon bis zu genau diesem Augenblick, in dem mein Muskelgedächtnis aktiviert worden war.
Nun hing meine ganze Konzentration an ihren Lippen. Sie hatten sich schon so lange nicht mehr geöffnet, diese satten, perfekt geformten, roten Lippen. Konnte sie nicht etwas sagen, nur irgendetwas?
Unruhig saß ich da, vergaß, dass der Stuhl unter mir aus Holz war, dass meine beiden Hände auf der Tischplatte lagen, vergaß mich und den Fakt, dass ich überhaupt war

Eine Autohupe.
Ich erschrak, zuckte zusammen, mein Blick riss sich fort von ihr und hin durch die gekippten Fensterscheiben, hinaus auf die Straße, wo die Autos mit ihren Scheinwerfern - 
“Pssst.”, machte sie und berührte mich am Kinn, am Kinn mit ihrer samtweichen Hand, drehte meinen Kopf zurück zu ihr und verband meinen Blick wieder mit ihrem, wie eine Schicksalsweberin verknotete sie sie von neuem, es gab überhaupt nie etwas anderes zu sehen als diese Augen! Und meine Haut brannte nach, wo sie mich berührt hatte, mein Tastsinn - er gehörte sowieso schon lange ihr.
Zärtlich liebten sich unsere Gehirne. 
Dann Panik.
Feuer! Durch die Augen brannte ihr Licht, lichterloh, mein Gott! Sie brannte wieder! Ihre Haut schmolz ab, sie starb! Sie starb mir vor den Augen weg! Aber nein. Ich musste nur blinzeln, meine Augen waren so trocken, ich hatte bloß zu lange nicht geblinzelt, jetzt sah ich wieder klar. Sie brannte nicht, nur ihre Augen, das war magisch, das war perfekt, das war gut so wie es war.
Sie war die Schwerkraft, ich ein Staubkorn.

Wie war sie hierhergekommen?

Der Gedanke bildete sich in meinem Gehirn von ganz alleine, obwohl sich unsere Gehirne doch zärtlich liebten und ich dachte, da wäre kein Platz, nie wieder Platz für irgendetwas anderes als für sie, diese Lichtgestalt, diese - nein, wie war sie hergekommen? War sie durch die Türe getreten, hatte sie mich begrüßt und dann hier an diesem Tisch Platz genommen, an dem wir noch immer saßen und uns zutiefst in die Augen starrten?
Da war die blasse Erinnerung von Stufen, von Gestolper, von Gelächter, aber das fühlte sich so fern an. So surreal. Ich versuchte, meine Blicke durch den Raum schweifen zu lassen, irgendwo eben diese Tür zu finden, als könnte ihr Anblick mir verraten, wer alles im Laufe der Zeit hindurchgetreten war, als könnte der bloße Anblick dieser Tür bestätigen, dass meine große und einzige Liebe durch sie den Weg in das Apartment gefunden hatte. Dass meine Erinnerung echt und frisch war. Aber den Kopf konnte ich kaum drehen, um den Raum auszukundschaften, denn sobald sie drohte, aus meinem Sichtfeld zu verschwinden, zog sie mich mit neuer Kraft gänzlich in ihren Bann, in ihren leuchtenden Bannspruch, hinein in diese funkelnden, bezaubernden Strahlen, die ihr aus den Augen schossen.
Ich musste mich konzentrieren! Ich liebte sie, das wusste ich, das spürte ich, aber irgendetwas war falsch, auch das spürte ich jetzt tief in meinem Sein eingegraben. Irgendetwas war falsch.
Ich schielte wieder zur Seite, ließ meinen Blick ein wenig, aber bloß nicht zu viel, zu den Formen und Objekten meiner Peripherie gleiten. Tür? Wo war die Tür, durch die sie und ich getreten waren? Tür? Ich sah keine Tür! Wo war die Tür zu dieser Wohnung, zu diesem Zimmer? Ich sah keine Tür? Aber ich sah Türen! Erst zögerlich, dann immer schneller entfalteten sie sich in meinem Kopf, sich öffnende Türen, schwingende Türen, ein Türenlabyrinth vor mir und ich mitten unter ihnen, diesen fremden Türen. Das waren alles keine Türen, an die ich mich erinnern konnte. Ich sah sie vor meinem geistigen Auge, ja, aber ich hatte sie nie gesehen. Panik schwoll an in mir und -
Sie sang.
Engelsgleich schickte sie hohe und sanfte Töne in meine Richtung. Ich fühlte, wie sich meine Ohrmuscheln aufstellten. Nichts anderes war da, keine anderen Gedanken, nur ihre Stimme, es gab nichts, niemals je etwas anderes, um das ich mich zu kümmern brauchte als ihre liebliche Stimme. Ich war ein Hund und sie mein Besitzer. Ihre Augen brannten sich in mich ein, ich schloss die meinen, bloß um ihrem Gesang besser lauschen zu können, während ihr Augenlicht wie kleine Nadeln auf meine Pupillen traf.

Wir saßen vor einem Restaurant und es war warm. Daran erinnerte ich mich genau, es war ausgesprochen warm. Und wir waren im Ausland, das war klar, sie liebte es ja zu reisen. Jenseits der Esstische, mitten auf der Straße, stand ein Akkordeonspieler und steckte eine außerordentliche Leidenschaft in seine Kunst, dass er schon Tränen in den Augen hatte. Derart gerührt von seiner eigenen Musik! Menschen waren erstaunlich.
Vor mir ein Teller mit Spaghetti - die teure Sorte, mit Soße aus Brabant. Ich erinnerte mich nicht mehr an den Geschmack. Nur an den Duft, es war ihr Duft, der mir die Sinne vernebelte. Der Tisch war klein, an dem ich saß, und gegenüber von mir - ein leerer Stuhl. Nicht sie? Ich nahm eine Gabel in den Mund, gelassen, denn ich wusste ja, dass sie da sein musste, einfach musste, dass ich nicht alleine hier wäre. Recht hatte ich. Da war sie schon! Gleich tauchte sie auf, schon saß sie mir gegenüber, ein hautenges rotes Kleid aus Seide am Körper, ein umwerfender Anblick. Sie schaute mich an. Sie lächelte mich an. Ich schmolz dahin, zerfloss hinab auf meinen eigenen Teller.
“Spielt er nicht lieblich?”, fragte sie mich. “Der Akkordeonspieler da?”
Ich konnte kaum sprechen, aber ich musste auch nicht. Ich hatte meinen Körper, der nickte. Sie lächelte weiter. Plötzlich stand er neben mir, der Akkordeonspieler, hielt mitten in der Ballade inne und streckte die Hand aus. Ich fand mit seinem Starren im Nacken etwas Geld in meiner Hosentasche und gab es ihm. Er nahm es danklos an.
Irgendetwas war falsch.
Der Pantomime, nein, Akkordeonspieler, hielt auch ihr die Hand hin, sie gab ihm kein Geld, sondern ihre unbezahlbare Hand, er zog sie vom Stuhl und sie tanzten, tanzten um mich herum, während ich weiter meine Spaghetti mit der besonderen Soße aus Brabant aß. Ihr goldenes Haar flog im Tanz herum wie ein Kometenschweif. Ich konnte nur so stark lächeln und sonst nichts, nichts sagen und nichts tun, außer die Ameisen von den Broten zu schnipsen und die Treppen hinaufzupoltern.
Mir kam die grausame Erkenntnis: Das war nur Projektion. Das hatte so nie stattgefunden. Das waren nicht einmal ihre goldenen Haare, nicht ihr Gesicht. Das war eine falsche Erinnerung. Eine Lüge.

Meine Augen öffneten sich von selbst.

Die Zeit rollte sich vor mir aus. Die Zeit war ein uralter Wandteppich, der seit Jahrhunderten verborgen in den Überresten einer einst prachtvollen Burg dahinvegetierte. Gigantisch groß war er, wuchs noch immer stetig an. In meiner Hand eine flackernde Fackel, sie war so dunkel, sie nützte nichts, das war kein echtes Licht. So oder so, der Wandteppich war von vornherein schwer zu entziffern, unmöglich für mich zu entziffern, denn er war durchtränkt mit Staub, Schimmel, Blut und Vogelscheiße.
Panik stieg in mir auf.
Ich öffnete meine Augen. Ich stand in der Mitte eines gigantischen Ballsaals, an mir ein makelloser schwarzer Frack, darunter weißes Hemd und Fliege am Hals, alles makellos, ich war makellos in diesem Moment. Außer mir war da sonst niemand. Ich hörte das Orchester scheppern, ich hörte den Hall von Schritten und Stimmen um mich, aber da war niemand außer mir in der Mitte dieses Ballsaals. Wo war meine Dame? Aber wie das Licht funkelte! Wie bezaubernd schön! Ich hob meinen Kopf, um die Kronleuchter zu bewundern, die solches Licht produzieren konnten, doch da waren keine Kronleuchter, sondern Löcher, perfekte symmetrische runde Löcher in der Decke, aus denen brilliantes Licht, grellweißes und goldenes Licht hindurchschien und sich wie Sternenstaub auf meine Schultern, auf mein Gesicht und den gesamten leeren Saal legte. Wo war sie, die Frau meines Herzens, meine Partnerin, meine Frau, die ich geheiratet hatte, der ich den silbernen Ring an den Finger gesteckt hatte, zu dem der Herr Juwelier mich so gut beraten hatte. Wo war sie, die Erscheinung?
Alles glänzte und glitzerte nun unter dem Licht, das sich wie Sternenstaub immer weiter ausbreitete, auch ich in meinem Frack glänzte und glitzerte. Ich sah sie nicht, aber sie würde jeden Moment erscheinen, um die Ecke treten, mir um den Hals fallen. Dann würden wir tanzen und alle würden innehalten und uns bewundern. Ich musste mich aufwärmen - Ich tanzte mit mir selbst den Walzer, quer über die gesamte Tanzfläche. Das Orchester schwoll an. Wie wir flogen! 
HALT HALT HALT HALT HALT
Das war alles unecht, falsche Erinnerung, falsche Gegenwart, alles falsch, nur ich echt und dort hineingeworfen. Ein Spielball von ihr! Dieser - wunderbaren, perfekten - abscheulichen Frau! Meiner Liebe! War überhaupt sie echt?
Das Orchester starb abrupt. Gähnende, alles verschlingende Stille umhüllte mich. Das Echo meiner Schritte auf dem Parkett. Ich musste hinaus, weg hier! Aber ich sah keine Türen, nie waren irgendwo Türen. Nur nach oben war der Weg frei, wo die symmetrischen Löcher noch weiter gewachsen waren, wo nun die Decke schon gänzlich fehlte, wo aus dem weiten schwarzen Kosmos die Löcher des Firmaments ihr Licht aus einer anderen Welt hineinfließen ließen. Konnte ich nicht hinauffliegen und durch diese Löcher entkommen?
Da verdunkelte etwas das Glitzern des Himmels. Über mir schwamm ein Monstrum über dem Ballsaal vorüber, zog langsam seinen Körper über den pechschwarzen Himmel. Das war ein Polyp, der da oben weit jenseits der menschlichen Toleranzzone im tiefsten Meer hauste, mit seinen glitschigen, schleimbeschmierten und unnatürlich wabernden Tentakeln. Und diese Tentakeln waren ihre Augen.

Ich schlug meine Augen auf. Ich saß noch immer in dem Apartment, sie mir gegenüber. War das nun die Realität? War das echt? Sie hatte aufgehört zu singen und schaute mich einfach an. Starrte mich an. Ohne zu blinzeln. Ich liebte sie so sehr! Für sie würde ich mich hinausstürzen aus dem Fenster zu meiner linken, wenn sie nur das Zeichen dafür gäbe, wenn es nur irgendeinen noch so kleinen Nutzen für sie hätte! Wenn sie nur - 

Elektrisiert stehen ihr die Haare zu Berge. Sie ist das Licht der Welt. In ihr muss ich vergehen. Meine Arme fühlen sich so dünn an. Mir ist elendig schlecht. Was spüre ich da? Sind das - Spinnenweben an meinen Fingern? Die Füße sind ganz taub, aber ich kann nicht vom Tisch wegrücken, um zu sehen, ob sie überhaupt noch da sind, je existiert haben. Wie lange sitze ich hier schon? Wie lange sitzen wir hier? Wer ist sie?
Ich liebe dich.
Das sagt sie mir, ohne dass sie ihre Lippen auftut, das resoniert tief in mir, in meinem Gehirn - und zärtlich lieben sich unsere Gehirne. Kann daran denn etwas verwerflich sein? Wenn sich zwei Menschen treffen und kennenlernen und sich anerkennen als Menschen und sich verstehen? Folgt daraus denn nicht alles weiter? Muss nicht alles andere nachrangig sein?
Aber sie ist kein Mensch.
Das ist kein Mensch ist kein Mensch ist kein Mensch ist kein Mensch, das ist, ist, ist kein Mensch. Sie ist, sie war nie, sie ist kein Mensch.

An der Seine spazieren wir. Über uns singen die Lerchen und die Akkordeonspieler. Sie will, dass ich ihr Geld gebe. Ich habe keines, aber ich kann es ihr nicht sagen, weil sie sonst Blitze aus ihren Augen schießt, die so wunder- so wundervoll strahlen und scheinen, wie es nur ihre Augen können, weil sie so einzigartig und perfekt ist und meine große, meine einzige, ewige Liebe ist. Meine Ehefrau. Schließlich sind wir ja verheiratet! Wir sind ja verheiratet! Ich stecke ihr den Ring an, er glänzt matt, aber erbärmlich in ihrem Kontrast, während wir auf der rot-rot-rot-rot-blutrot karierten Decke im hohen Gras am Ufer der Seine, nein, der Loire, nein, der Mosel sitzen. Sie küsst mich mit ihren dicken blutroten Lippen und es brennt mir heiß auf der Haut, weil sie so heiß ist, regelrecht brennt. Wie gut, dass sie mich nicht länger geküsst hat, denke ich, denn sonst hätte ich verglühen und vergehen müssen. Sie ist viel zu heiß für mich oder für einen Menschen an sich. Ich bin nur ein Mensch. Sie ist alles andere. Sie ist alles, ist nichts, ist alles, ist mehr als nichts, ist weniger als alles, ist sie. Sie ist sie. Sie ist ein Es. Schleimige Polypenarme schlagen ihr aus den Augenhöhlen. Ihre Augen! Sie brennen mich von innen hohl! Ich bin Asche in der Flamme. Ich bin Zündholz in ihren Händen. Ohne dass sie mich anfassen muss, gehe ich in Flammen auf, niemand wird mich vermissen, ich bin nicht, ich war nie real.

Ich spüre, dass dicke Blutstropfen von meinen Augen hinabperlen und mein Gesicht einfärben. Ich will mich nicht sehen. Ich bin ein Blutopfer. Alles, was ich habe und bin, hat sie mir ausgesaugt. Es kitzelt mir im Gehirn, ich will mich kratzen, aber es geht nicht, natürlich geht es nicht. Das steckt mir im Gehirn. Da oben, da steckt sie drinnen. Sie tastet suchend alles ab in meinem Kopf. Ich will schreien. Wie lange sitzen wir schon hier. Jetzt kann ich nicht mehr, ich brenne, ich muss schreien aus voller Kehle, endlich ein Ventil für alles, was sich in mir angestaut hat in einer Ewigkeit der Gefangenheit. Ich habe keine Hoffnung. Ich schreie. Da kommt nur Krächzen. Ich reiße mich los. Ich reiße die Augen auf.

Ihre Haare sind Asbest.
Ihre Zähne sind Schwämme.
Ihre Finger sind Fischgräten und
ihre Augen sind Kohle.

Ich sehe vor mir das hässlichste atmende Etwas, das ich je gesehen habe. Ich schreie. Es reißt seinen Kopf auf. Da sprudelt schwarzer Schaum heraus, tropft schmatzend auf den Boden. Da zischt es. Ich will rennen. Es riecht nach Terpentin. Wo ist die Tür, durch die wir nie zusammen getreten sind, wo das Treppenhaus, das wir nie zusammen kichernd hinaufgestolpert sind? Wo sind die Dinge, die mich definieren? Jetzt oder nie. Das ist der Moment. Ich werde fliehen, ich bin schon halb entkommen. Ich stehe auf, schiebe den zerfressen Holzstuhl von mir. Ich will rennen. Ich kann nicht rennen, nur schleichen. Sein Kreischen lässt meinen gesamten Körper oder das, was von meinem Körper übrig ist, vibrieren. Ein Schritt nach vorne, ich drehe meinen Kopf, da ist eine Tür! Der Weg nach draußen! Noch ein Schritt. Hinter mir höre ich das Ding rappeln. Es riecht so schlimm nach Terpentin. Und nach Verwesung. Noch ein Schritt. Meine Beine sind so taub. Die Tür ist so nahe. Aber ich falle hin. Ungebremst treffe ich den Boden, kann meine Arme gar nicht zum Dämpfen heben. Jetzt sehe ich endlich mich. Meine Beine sind gebrochen. Jetzt kann ich sie sehen, endlich sehen. Da streckt sich dünnste Pergamenthaut durchsichtig über die weißen Knochen. Mein Hemd ist fadenscheinig, zerfetzt, darunter ein abgemagerter Bauch, die Rippen treten hervor. Das ist es. Ich war einmal ein ganzer Mensch. Das da drüben war es nie. Ich blicke auf zu diesem Ding, das langsam den Tisch verlässt und mich hasserfüllt anstrahlt mit diesem unnatürlichen Licht. 
Jenseits des Firmaments strahlt es, das hat mir mein Großvater einmal gezeigt, wo wir aufhören und etwas anderes anfängt. Zumindest das sehe ich noch vor mir. Mein Opa und ich, nachts draußen mit den Köpfen im Nacken. In dieser Erinnerung, nur in dieser, ist dieses Ding nicht dabei. Diese Erinnerung ist echt. Daran klammere ich mich fest. Ich will weinen, da ist nur mehr Blut. So viel Blut kann nicht in mir sein.
Es kommt um den Tisch herum. Es beugt sich über mich mit den undefinierten Gliedmaßen, die sich schlängeln-spalten, ich am Boden, ich kann mich nicht wehren. Es öffnet alle Poren seines Körpers, aus denen bricht das Licht der fremden Welt, zeigt mir sein Innerstes, das Höllenfeuer, den Qualmofen, den Anfang und das Ende. Sein Gesicht blättert ab wie welkes Laub, dahinter ist nichts außer dem Feuer tausend ausgebrannter Sonnensysteme. Am Rande meines Bewusstseins nehme ich zur Kenntnis, dass meine Augen verdampfen.
“Ich habe dich geliebt.”, will ich wimmern, mir bricht die Stimme, zum Husten bin ich zu schwach. Mein Mund ist Asche, meine Zähne Staub. Ich spüre es jetzt ganz nah bei mir, über mir. Es brennt mich auf. Ich weiß gar nichts. 

Dann schlage ich die Augen auf: Ich sehe sie vor mir. Sie ist so bezaubernd schön. Sie liebt es zu reisen. Sie trägt ein rotes Kleid. Sie stößt mir verspielt in die Seite. Sie kichert. Ihre Haare sind ein Kometenschweif.
Zärtlich liebten sich unsere Gehirne. 

Sie ist so bezaubernd schön.